Helmut Qualtinger

Helmut Gustav Friedrich Qualtinger (*8. Oktober 1928 in Wien; † 29. September1986 Wien, war ein österreichischer Schauspieler, Schriftsteller, Kabarettist und Rezitator.

Vom Herrn Karl...

Helmut Qualtinger

Vor 52 Jahren empörte Helmut Qualtinger mit dem Monolog eines Opportunisten die Nation

Helmut Qualtinger traf man meistens am frühen Nachmittag im Gutruf. Diese ehemalige Delikatessenhandlung in der Wiener Innenstadt war mehr als ein Vierteljahrhundert lang sein Stammlokal. Im Gutruf wurden er und sein Co-Autor Carl Merz im Frühjahr 1961 von Erich Neuberg, dem Fernsehspielchef des ORF, beauftragt, sich etwas für eine 50 Minuten lange TV-Sendung einfallen zu lassen. Im Gutruf trafen Merz und Qualtinger einander zu Diskussionen über den Monolog, als Der Herr Karl noch nicht auf die Welt losgelassen worden war. Im Gutruf ließen sich Merz und Qualtinger von den Erzählungen des Gastwirts Hannes Hoffmann inspirieren. Im Gutruf stieß ich als junger Journalist und Schriftsteller zu der Runde um Helmut Qualtinger, und dort fand im Sommer 1986 auch meine letzte Begegnung mit ihm statt.

Wie so oft trug er einen grauen Anzug mit weißem Hemd ohne Krawatte. Er hatte ein paar Monate zuvor in der Verfilmung des Klosterkrimis Der Name der Rose von Umberto Eco an der Seite von Sean Connery den aufrührerischen Bruder Remigio gespielt. Nun saß Qualtinger mit dem Maler Franz Ringel, der im Oktober 2011 starb, an dem kleinen Ecktisch unter dem alten Flugzeugpropeller und sagte: »Diese Dreharbeiten waren eine Folter! Ich musste in den Abruzzen stundenlang barfuß im Schnee spielen.« 

Qualtinger hob die buschigen Augenbrauen, als ich zur Tür hereinkam. Er lächelte mir zu und bestellte für uns bei Frau Lea zwei doppelte Fernet-Branca. Der italienische Magenbitter war zwischen uns seit Jahren so etwas wie ein Begrüßungsritual.

»Ein Wahnsinn«, sagte er nach einer Weile. »In einer österreichischen Zeitung habe ich einen Bericht über die Dreharbeiten gefunden. Und wisst’s, was die Überschrift war? Der Herr Karl geht ins Kloster!«

Er trank zornig aus, bestellte Nachschub und schüttelte den Kopf: »Die Leute begreifen seit 25 Jahren nicht, was ich jetzt mache. Die wollen immer nur, dass ich den G’schupften Ferdl sing oder den Herrn Karl spiel. Immer nur den Herrn Karl und sonst nix.« Kurz davor hatte tatsächlich ein deutscher Fernsehproduzent bei Qualtinger wegen eines Remakes des Herrn Karl angeklopft – in Farbe und mit Stereo-Ton. Qualtinger lachte: »Ein Monolog in Stereo!«

Der Maler Ringel mischte sich mit rauchigem Lachen ein: »Den Herrn Karl gibt’s ja heute als Typus nimmer. Der ist doch schon ausgestorben!«

»Überhaupt nicht«, ereiferte sich Qualtinger. »Ich kann euch sofort einen jungen Herrn Karl vorspielen!« Im nächsten Moment hielt er einen kurzen Stehgreifmonolog: »Ich habe eine homöopathische Ärztin, die mir prophezeit hat, dass ich in drei Monaten keine Brille mehr brauchen werde.« Dabei verjüngte er sich scheinbar um Jahre – und wurde zu einem geschniegelten Charly.

Er kippte seinen Fernet. »Man braucht sich ja nur die FPÖ anzuschauen«, prophezeite er. »Da braut sich was zusammen. Der Haider wird die Macht an sich reißen! Der Herr Karl von heute ist eben nicht arm, der ist fesch!«

Ein paar Wochen später, im September 1986, putschte sich Jörg Haider an die Parteispitze.

»Der Herr Karl von morgen trägt Maßschuhe, flotte Anzüge und bezahlt mit goldenen Kreditkarten«, brummte Qualtinger und bestellte eine neue Runde: »Der Herr Karl kann sehr schön sein. Und er stirbt nicht.«

Der Bildhauer Alfred Hrdlicka, der mit Qualtinger unmittelbar nach dem Krieg als Statist in der Volksoper aufgetreten war und schließlich das Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof gestalten sollte, schätzte an seinem Freund vor allem dessen politischen Instinkt: »Der Herr Karl war, rückblickend gesehen, nicht Vergangenheits-, sondern Zukunftsbewältigung. Dass Qualtinger seine Kreation mit der Zeit satthatte, ist nur zu gut zu verstehen: Er hat den Leuten den Spiegel vorgehalten, sie haben sich darin gesehen, aber sich nicht erkannt.«

Wenige Minuten bevor Der Herr Karl am 15. November 1961 im Hauptabendprogramm zum ersten Mal im österreichischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, erschien der Theaterkritiker Hans Weigel auf dem Bildschirm, um das Publikum vorab mit beschwichtigenden Worten auf die folgende Sendung einzustimmen. Dann erzählte Helmut Qualtinger eine österreichische Lebensgeschichte: Wie er es sich immer wieder gerichtet und sich mit den jeweils Mächtigen ohne Rücksicht auf die Verluste anderer arrangiert hatte.

Qualtinger spielte die satirisch verdichtete Figur des gesinnungslosen Opportunisten zunächst vor der Kamera, später auch auf den Theaterbühnen vieler europäischer Städte. Auf Einladung österreichischer Emigranten reiste er 1963 sogar nach New York und hielt seinen Monolog achtmal am Broadway im ausverkauften Barbizon Plaza Theater.

Das Publikum sah ihn als feisten, unappetitlichen und verschwitzten Raunzer mit verbeultem Hut und kleinem Oberlippenbart. Durch eine genau abgestimmte Mischung aus Stimme, Sprache, Mimik und Gestik stellte er die Figur bloß. Dazu, schwärmte der Kulturkritiker Paul Blaha im Express gäbe es »keine Steigerung«: »Das ist das Spiegelbild einer Volksseele, Gleichnis und Demaskierung einer Mentalität. Das steht einzig und unvergleichlich da.«

Oft wurde behauptet, dieser gemütliche Jedermann sei die Inkarnation eines Kleinbürgers. Doch tatsächlich trägt der Herr Karl die Züge eines ungebildeten Proleten, feig und arbeitsscheu, ein Mitläufer ohne Überzeugungen, ein Wendehals, stets damit beschäftigt, schadlos zu überleben. Heute würde man sagen: ein Sozialschmarotzer. Einer, der stets nur auf seinen persönlichen Vorteil bedacht ist. Dabei ist er grausam, lebt immer auf Kosten anderer, ebenso materiell wie emotional. Kein großer Verbrecher, sondern ein kleiner Gauner, der die Banalität des Bösen vielleicht deutlicher verkörpert als ein Kriegsverbrecher.

Die Ausstrahlung dieser schäbigen Lebensbeichte löste einen Skandal aus. Noch während der Fernsehsendung entlud sich der Zorn der Seher »über die Beleidigung der Bevölkerung« in der Telefonzentrale des Senders. Ein Politiker schlug vor, den Fernsehdirektor nach Sibirien zu verbannen. In den folgenden Tagen schleppten die Briefträger empörte Zuschriften in das Hauptgebäude des ORF, in die Redaktionen der Zeitungen und zu den Briefkästen der Autoren. Die Leserbriefspalten waren gefüllt mit gehässigen Kommentaren, etwa jenem eines Managers der Austrian Airlines: »Kaum ist Gras über die Geschichte gewachsen, kommt so ein Kamel und frisst es wieder ab.« Die Republik geriet wegen dieser Geschichte – ihrer Geschichte – wochenlang aus den Fugen.

»Man hatte einem bestimmten Typus auf die Zehen steigen wollen«, notierte Hans Weigel, »und eine ganze Nation schrie: Au!«

Das Medienecho auf das Skandalstück war weit über die Grenzen des Landes gewaltig, vor allem nachdem es Qualtinger in einer Aufführungsserie auch auf die Theaterbühne gebracht hatte. Selbst der New Yorker widmete diesem »Enemy of Gemütlichkeit« breiten Raum. Im Gegensatz zur Bevölkerung reagierten die Zeitungen allerdings zum größten Teil positiv. Die Süddeutsche Zeitung wies auf die literarische Ahnenreihe der Charaktermaske hin: »An seiner Wiege stehen Generationen von Wiener Satirikern. Nestroy zählt zu ihnen und Karl Kraus, ein wenig auch der gallbittere Grillparzer und sehr stark Ödön von Horváth.«

Der Herr Karl war nicht nur ein Fernseh- und Theaterereignis, er funktionierte auch als Hörspiel. In den Schallplattengeschäften war der zeitkritische Monolog ein Hit im Weihnachtsgeschäft 1961 und schnell ausverkauft.

Den großen Zuspruch des Publikums konnte sich auch Qualtinger nicht erklären: »Vielleicht ist es Schuldbewusstsein oder Masochismus oder deshalb, weil es ein Erfolg ist und weil man darüber redet. Die Wiener lachen halt gern. Wenn sie nicht zuhören wollen, lachen sie. Es ist immer eine Hetz...«

Bald ging das Gerücht um, es gebe für den Herrn Karl ein lebendiges Vorbild. Da wurde ein gewisser Herr Max (Familienname unbekannt) genannt, der in der Nähe der Wohnung von Carl Merz im Kellermagazin des Delikatessengeschäfts Top Flaschen sortierte und Kisten stapelte. Die »Frau Chefin« dieses Originals war eine echte Baronin, die in Schokolade getauchte Ameisen aus Mexiko oder schottischen Hochlandwhisky im Sortiment führte.

Aber auch das Gutruf wurde rasch als eine Quelle der Inspiration verdächtigt. Der Inhaber Hannes Hoffmann erzählte gerne von früher – allerdings ging es dabei hauptsächlich um Schleichhandel und amouröse Abenteuer in den Donauauen. Der ehemalige Operettensänger war allerdings kein Nazi gewesen, doch in seiner unverwechselbaren Art zu sprechen, diente er Qualtinger gewiss auch als Anregung für die Rollengestaltung.

»Jeder einzelne Satz ist irgendwann einmal von irgend jemandem in Wien gesprochen oder gedacht worden«, meinte Qualtinger bei unserer letzten Begegnung. Er stand auf, beglich bei Frau Lea die gesamte Zeche des Nachmittags und ging zum Ausgang. In der offenen Tür drehte er sich noch einmal um und sagte: »Manchmal weiß ich nicht: Bin ich ein Mensch oder ein Wiener?«

Der Herr Karl war Helmut Qualtingers größter Erfolg – und zugleich seine größte Niederlage: Denn alles, was er nach 1961 schrieb oder auf die Bühne brachte, wurde an diesem Monolog gemessen – und schnitt sowohl bei Kritikern als auch beim Publikum meist schlechter ab. In der Rolle des politischen Schriftstellers, in der er sich sah, wollten ihn nur wenige wiedererkennen.

Auch für Regisseur Erich Neuberg und Co-Autor Carl Merz war der große Erfolg des Herrn Karl schlussendlich kein Segen, sondern wohl eher ein Fluch. Neuberg erhängte sich im Jänner 1967 auf dem Dachboden des Theaters Ronacher. Merz erschoss sich im Oktober 1979 in seiner Wohnung. Und Helmut Qualtinger hat sich langsam, aber sicher zu Tode gesoffen.

© Georg Biron

„Der Herr Buddha“

TEXT: GEORG BIRON

Vor ungefähr Tausend-zweihundert Jahren hatte der tibetische Mönch Padma-samb-hava eine erstaunliche Vision: „Wenn Eisenvögel durch die Luft fliegen, wird der Buddhismus in Richtung Westen wandern und in die fernsten Länder der Welt kommen.“ Und so geschah es dann auch ...

In Wien aber ist alles anders als woanders. Hier wurde im 20. Jahrhundert die vielleicht spannendste Variante dieses Glaubens entwickelt, der wie ein Naturgesetz daherkommt: der Austro-Buddhismus.

Die Erleuchtung kam dem Herrn Buddha eines sonnigen Tages an der schönen blauen Donau im Schatten eines „narrischen“ Kastanienbaums und ließ ihn überrascht ausrufen: „Baam, Oida!“

Flugs beschloss er – wie weiland Siddharta Gautama, der heute in der restlichen Welt als Buddha verehrt wird – seine Existenz als abgemagerter Wanderprediger aufzugeben, reichlich Speis’ und Trank zu sich zu nehmen und von den Ersparnissen anderer Menschen zu leben.

„Alles ist eine Hetz“, dachte der Herr Buddha und stellte bald fest, dass er mit seinem Credo nicht alleine war und in Österreich viele Verbündete gewinnen konnte. Denn die einfachen Glaubensgrundsätze des Austro-Buddhismus zeigten sich in ihren primitiven Formen im ganz gewöhnlichen Alltag, über den der scharfsinnige Kulturkritiker Jörg Mauthe einst notiert hatte: „Die Verösterreicherung beginnt mit der plötzlichen und beglückenden Erkenntnis, dass nichts mehr wichtig ist oder vielmehr: dass alles gleich wichtig oder unwichtig ist.“

Wien ist eine Stadt der Emigranten, doch die wahren Emigranten sind nicht die, die ihre Koffer packen und abreisen. Die wahren Emigranten sind die, die bleiben. Wer bleibt (oder nach einer kurzen Flucht wieder kommt), und so einer war zum Beispiel Helmut Qualtinger, der lebt hier im Exil.

Als Überlebensstrategie dient der Austro-Buddhismus ... und seine acht wichtigsten Thesen:

  1. „Es ist alles ein bissel wurscht!“
  2. „Österreich ist ein Labyrinth, in dem sich jeder auskennt.“
  3. „Wenn vorne nix mehr weiter geht, dann ist hinten vorne!“
  4. „Uns're Stärke liegt im Qualitätsverzicht!“
  5. „Was hin ist, kann noch viel hiniger werden!“
  6. „Ein echter Wiener geht nicht unter, aber er kommt auch nicht hinauf!“
  7. „What a difference a Schmäh makes!” … UND
  8. „Wir werd’n kein’ Richter brauchen!“

„Manchmal waaß i ned: bin i aa Mensch ... oder aa Wiener?“, hat Helmut Qualtinger einmal gesagt. Außerdem: „Die Wiener sind gar nicht so faul, wie die Deutschen oft glauben Sie stehen gerne sehr früh auf, auch wenn sie am Vortag g’soffen haben, und dann machen sie ihre Arbeit – nur am Nachmittag, da werden sie langsam müd. Da wollen sie sich ein bisschen hinlegen oder saufen oder pudern. So nach dem Motto: ‚Heut’ schaffen wir’s eh nimmer!’“

Am 15. November 1961 hatte der Herr Buddha im österreichischen Fernsehen seine mediale Inkarnation, er nahm Gestalt an und zeigte sich dem Volk als „Herr Karl“, wobei er sich eines Channeling-Mediums bediente: Helmut Qualtinger erzählte mit Hut und Hitlerbärtchen, Krawatte und Arbeitsmantel, wie er es sich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gerichtet und mit den Mächtigen ohne Rücksicht auf Verluste (anderer) arrangiert hatte ...

„Mir brauchen Se gar nix d’erzählen, weil i kenn das.“

So beginnt der 50 Minuten dauernde Monolog, geschrieben von Carl Merz und Helmut Qualtinger im Auftrag des österreichischen Fernsehens. Qualtinger spielte die Figur zunächst vor der Kamera, später auch auf Theaterbühnen zwischen Wien und New York: „Man erinnert sich: Wie man sich geplagt hat ... für die Gemeinschaft ... für die Gattinnen ... für den Beruf.“

„Der Herr Karl“ war in seiner reduzierten Form ein experimentelles, avantgardistisches Stück, das nicht nur durch austro-buddhistische Inhalte auffiel. Unter der Regie von Erich Neuberg entstand eine für die damalige Zeit außergewöhnliche Ästhetik, die vor allem in der Fernsehfassung radikal war. Durch die Beengtheit der Szenerie und durch die Großaufnahmen von Qualtingers Gesicht gab es für das Publikum kein Entrinnen: „I hab damals nix z’tun g’habt ... bin i vü in Wirtshaus g’sessen ...“

Schnell wird klar, worum es geht: Im Keller eines Delikatessengeschäfts werden Dosen, Flaschen und Kartons mit wertvoller Feinkost gelagert, die oben – zu ebener Erde – von einer Chefin verkauft werden. Der Herr Buddha wird an seinem ersten Arbeitstag als Magazineur von einem jungen Mann eingeschult. Die Chefin bleibt übrigens – ebenso wie der junge Mann – unsichtbar und ohne Stimme: „De Alte keppelt scho wieder ... Chefin! Des wär vor 40 Jahren aa ka Chefin g’wesen.“

Damals hatte der Herr Buddha schnell erkannt, wie er zwischen Arbeitslosigkeit und Krise sein Überleben organisieren konnte. Wo es was zu holen gab. Wie man über die Runden kam. Wie man Frauen ausbeuten konnte. Sexuell und materiell. Als junger Lieferant machte er Hauszustellungen für den „Feinkost-Wawra“ und bekam dafür auf jeden Fall ein Trinkgeld. Und wenn die Dame des Hauses alleine in der Wohnung war, konnte er mit seinem Schmäh punkten und landete bei ihr im Bett.

Der Herr Buddha erzählt aus seinem Leben. Dabei verrät er sich selbst. Berichtet Historisches und Privates. Räsoniert wie in Trance vor sich hin. Teils amüsiert oder larmoyant, nie aufbrausend, immer selbstgefällig, engstirnig und unbelehrbar: „Meine Freiheit aufgeben, das könnte ich nie!“

Manchmal ist er sogar charmant und süßlich, wenn er das Goldene Wiener Herz präsentieren möchte, dann jedoch gleich wieder brandgefährlich, gefühlskalt und lieblos.

„Zu Helmut Qualtinger als ‚Der Herr Karl’ gibt es keine Steigerung. Das steht einzig und unvergleichlich da“, notierte der Kulturkritiker Paul Blaha damals begeistert im „Express“. „Das ist das Spiegelbild einer Volksseele, Gleichnis und Demaskierung einer Mentalität.“

 

Helmut Qualtinger selbst ... war das genaue Gegenteil.

Ein Wasserglas blieb oft das einzige Requisit. Er erschien auf der Bühne, schlug ein Buch auf und begann – manchmal ohne das Publikum zu begrüßen – mit der Lesung. Aber Helmut Qualtinger las seine Szenen nicht bloß vor – er tischte sie auf. Die meisten Leute waren gekommen, um einen Theaterabend zu erleben, der in Programmheften manchmal „heiter und besinnlich“ genannt wurde. Und so schienen viele von ihnen auch einen literarischen „Witzigmann“ erwartet zu haben, der seine Gerichte mit Kichererbsen und Lachdessert servierte. Doch die Speisen erinnerten eher an das Letzte Abendmahl und blieben oft schwer im Magen liegen …

Wer so einen Abend mit Helmut Qualtinger erlebt hat, der wird ihn nie vergessen – und das ist mehr als eine Floskel aus der Kulturberichterstattung. Pausenlos schob er Text für Text ins Auditorium, wie große Holzscheite in einen Kamin. Er tat es mit der Besessenheit eines Attentäters. Mit eigenen Texten oder mit den Worten eines Karl Kraus, Alfred Polgar, Anton Kuh, Ödön von Horvath, Jura Soyfer und Johann Nestroy ... ja: Nestroy, immer wieder: Nestroy ... Auf diese Weise wollte der Qualtinger Gehirnbrände legen. Einen Flächenbrand, der die Dummheit und die Ignoranz vertreiben sollte. Er wollte die Menschen verändern, und hoffte auf die Wirkung seiner Vorträge.

In merkwürdiger Eintönigkeit legte er Hitlers „Mein Kampf“ vor uns hin, als ginge es darum, die Nachrichten zu lesen. Mit diesem Buch ging er auf Tournee, „weil der Neofaschismus in der Luft liegt. Es ist das Phänomen der Dummheit, das mich mein Leben lang umkreisen wird.“

Es war dafür nicht notwendig, die Stimme von Adolf Hitler zu imitieren: „Das hab’ ich nur zum Teil gemacht. Das wollte ich nicht. Sonst wird der Hitler empfunden wie der Hans Moser.“

Die Bibel des „Größten Feldherrn aller Zeiten“ machte betroffen, weil Qualtinger die Blödheit dieser mörderischen Ideen offenbarte …

„Der schwarzhaarige Judenjunge lauert stundenlang, satanische Freude in seinem Gesicht, auf das ahnungslose Mädchen, das er mit seinem Blute schändet und damit seinem, des Mädchens, Volk raubt. Mit allen Mitteln versucht er, die rassischen Grundlagen des zu unterjochenden Volkes zu verderben. So wie er selber planmäßig Frauen und Mädchen verdirbt, so schreckt er auch nicht davor zurück, selbst im größeren Umfange die Blutschranken für andere einzureißen. Juden waren und sind es, die den Neger an den Rhein bringen, immer mit dem gleichen Hintergedanken und klaren Ziele, durch die dadurch zwangsläufig eintretende Bastardisierung die ihnen verhasste weiße Rasse zu zerstören, von ihrer kulturellen und politischen Höhe zu stürzen und selber zu ihren Herren aufzusteigen … Es gibt Wahrheiten, die so sehr auf der Straße liegen, dass sie gerade deshalb von der gewöhnlichen Welt nicht gesehen oder wenigstens nicht erkannt werden … Es liegen die Eier des Kolumbus zu Hunderttausenden herum, nur die Kolumbusse sind eben seltener anzutreffen.“

 

Nachdem sich Helmut endgültig vom Kabarett verabschiedet hatte, wurde er der Propagandist und Agitator seiner Weltanschauung. Er gab Unterrichtsstunden zum Kampf auf Leben und Tod und legte die Wurzeln des Systems frei. Er exekutierte seine Opfer durch feinste Nuancen des Vortrags, verfolgte den Tonfall fremder Zungen bis in die verräterischsten Schlupfwinkel. Seine Musikalität war in jeder noch so kleinen Bemerkung zu ahnen. Literarische Miniaturen gerieten zu Chansons und Kampfgesängen aus den Welten jenseits des bürgerlichen Selbstverständnisses. Auch wer sich eine der Schallplatten anhört, wird den sprachlich-musikalischen Kraftakt körperlich spüren können.

 

In den fünfziger Jahren spottete Helmut Qualtinger gut und gerne über eine österreichische Regierung: „Wenn Sie sich in einem Land befinden, in dem eine Partei regiert, während eine andere die Opposition stellt, dann sind Sie in einer Demokratie. Wenn Sie in einem Land sind, in dem eine Partei regiert und keine die Opposition macht, weil sie verboten ist, dann ist das eine Diktatur. Wenn Sie sich in einem Land befinden, wo zwei Parteien regieren, die sich zugleich die Opposition machen, dann sind Sie in Österreich!“

„Darüber“, so Qualtinger kurz vor seinem Tod, „könnte ich heute nicht mehr lachen, der Witz ist Fleisch geworden …“ und die satirisch betrachtete Figur eines Wiener Hausmeisters – „Der Alleinherrscher“ – sagt auch viel mehr über das herrschende politische Bewusstsein in diesem Land aus, als es tonnenschwere Studien könnten: „Das ist für mich Demokratie: Die Papp’n halten und grinsen.“

 

Qualtinger gelang es, das Unbewegliche vibrieren zu lassen, das Dumpfe in Feinfühligkeit zu zerlegen, die Dickfelligkeit mit feinsten Nerven auszustatten. Die Figur des Schriftstellers verkörperte er mit fast befremdlicher Kargheit, vergleichbar seinem Knieriem aus Nestroys „Lumpazivagabundus“ – durch nichts aus der Ruhe zu bringen als durch die Aussicht auf Alkohol.

„Für den Schauspieler Qualtinger schien der Vortrag und die Wirkung des ‚Kometenliedes’ typisch zu sein“, schrieb ein beeindruckter Theaterkritiker. Aber in diesem Knieriem lässt sich auch leicht der Schriftsteller Qualtinger erkennen:

„Böse, hart und voller Abscheu für diejenigen, die nicht an die schrecklichen Zeichen des Kometen glaubten, trug Knieriem das vor, den Beifall mit verächtlichen Handbewegungen wegwischend. Qualtinger spielte den zur Verzweiflung gesteigerten Missmut desjenigen, der den nahen Weltuntergang als Landler vorträgt – und merkt, dass der Landler begeistert beklatscht wird. Das Unpopuläre, das sich zur Popularität verwandelt; einer, der auszieht, den Landsleuten die Leviten zu lesen, und dabei von ihnen begeistert in die Arme geschlossen wird …“

Nach der Premiere des „Herrn Karl“ war die Aufregung groß! Im Parlament gab es dringende Anfragen zum Thema, und es wurden Stimmen laut, die Erich Neuberg, den Regisseur, auf der Stelle nach Sibirien schicken wollten.

Die Leserbriefspalten waren gefüllt mit Reaktionen: „In Österreich ist man duldsamer. Da darf man vieles, wofür man anderswo mit Zuchthaus oder Sibirien bestraft würde.“

„Wenn wir Wiener so schlecht wären, wie es der Herr Karl ist, dann wären wir heute wohl nicht so weit.“

„Nehmen Sie sich ein Beispiel an O.W. Fischer und Grace Kelly!“

„Der Herr Karl“ ist Qualtingers größter Erfolg – und seine größte Niederlage: Denn alles, was er in den darauf folgenden 25 Jahren geschrieben oder auf die Bühne gebracht hat, ist an diesem „Herrn Karl“ gemessen worden – und es hat sowohl bei den Kritikern als auch beim Publikum im Vergleich dazu meistens schlechter abgeschnitten.

„Den Herrn Karl“, sagte Helmut Qualtinger wenige Monate vor seinem Tod, „den könnt’ ich heute noch spielen. Immer nur den Herrn Karl, und sonst nix.“

Auch für Regisseur Neuberg und Co-Autor Merz war der Erfolg des zeitkritischen Monologs schlussendlich kein Segen, sondern wohl eher ein Fluch. Neuberg erhängte sich auf dem Dachboden des „Ronacher“. Merz erschoss sich in seiner Wohnung in der Führichgasse.

 

Nirgendwo sonst auf der Welt sind die Lehren des Herrn Buddha dermaßen in den Alltag eingesickert wie in Wien und Umgebung. Leichten Herzens wird in den Heurigenliedern die Wiedergeburt gepriesen: „I muss im früher’n Leben eine Reblaus g’wesen sein...“

Frei nach der Erkenntnis „Zuviel Wissen macht Kopfweh!“ ist der Austro-Buddhismus für seine Gefolgschaft das perfekte Arrangement mit der Welt, die konsequent klein gemacht und verniedlicht wird, um nichts ernst nehmen zu müssen: Aus Freunden werden Freunderln, aus dem Riesenschnitzel ein Schnitzerl, das begleitet wird von Krügerln und Achterln.

Der Klügere kippt nach. In Wien trinkt man nicht, um für sich die Wahrheit zu finden, sondern um Tag für Tag aufs Neue die Welt zu erfinden. Das fidele Grab an der Donau gilt den „Illuminati“ als Bedürfnisanstalt der Seele, in der man das Wirrwarr, das man anderswo Leben nennt, nicht ordnet, sondern einfach zwischen zwei Mantras hinunterspült: „Es war eine unruhige Zeit... Man hat nie gewusst, welche Partei die stärkere ist. Man hat sich nie entscheiden können, wo man eintritt...“

Das höchste Ziel, so erkannte der Herr Buddha, müsse es sein, am Ende alles Irdische und Materielle auf der Welt zurückzulassen und beim Heurigen glücklich zu verlöschen wie das Licht einer abgebrannten Kerze: „Verkauft’s mein G’wand, i fahr in’n Himmel...“

„Bin i ganga zum Heirigen ... wan de Leit’ scho b’soffen warn ... de hätten ma eckerte Ballons aa o’kauft ... de Trotteln ...“

Das ist die Ware Leere.

Davor allerdings bedient man sich ... auch heute noch ... gründlich und nach Herzenslust und ohne den Funken eines schlechten Gewissens am Leben und darf sich – wenn man die entsprechenden Freunderln hat – bei BUWOG-, Hypo Alpe Adria-, Eurofighter-, Telekom- und anderen politischen Deals wie etwa bei der Vergabe von Staatsbürgerschaften an reiche Ausländer die Taschen mit fremdem Geld füllen (lassen) und in der Öffentlichkeit so tun, als wäre all das völlig normal und „part of the game“.

„Existenzen wurden damals aufgebaut, Gschäften arisiert. Häuser, Kinos! ... I hab nur an Juden g'führt. I war ein Opfer. Andere san reich worden; i war a Idealist.“

Sofort fallen kritischen Beobachtern dazu die passenden Namen aus der Jetztzeit ein, und natürlich gilt die Unschuldsvermutung, bis ein Gericht ein Urteil fällt: Ex-Kanzler Schüssel, Ex-Innenminister Strasser, Ex-Vizekanzler Gorbach, Ex-Infrastrukturminister Reichold, Ex-Verteidigungsminister Scheibner, Ex-Infrastrukturminister Faymann, und last but not least: Ex-Finanzminister Grasser und sein Trauzeuge Meischberger, der am Telefon nach erfolgtem Korruptions-Inkasso die Frage stellte: „Und? Wo war mei’ Leistung?“

„Auch a Regierungsmitglied, wann i mir’s so anschau ... der is aa net anders wie i. Und i kenn mi. So san de olle. Aber bitte – es geht mi nix an. Ich mache meine Arbeit, ich kümmere mich nicht um Politik, ich schau nur zu und behalte es für mich.“

Der ehemalige Rechnungshofpräsident Franz Fiedler sagt über die aktuelle innenpolitische Situation in Österreich: „Es wurde wieder einmal ein Tiefpunkt erreicht. Aber: Ich halte Politiker für im selben Ausmaß korrupt, wie die Korruption in ganz Österreich besteht.“

„Später dann bin i demonstrieren gangen für die Schwarzen. Für die Hahnenschwanzler. Heimwehr. Hab i fünf Schilling kriagt. Dann bin i ummi zum – zu de Nazi. Da hab i aa fünf Schilling kriagt. Na ja. Österreich war immer unpolitisch ... Aber a bissel a Geld is z'sammkummen, net?“

Nur so ist das Ergebnis einer Umfrage zum vergangenen Nationalfeiertag zu verstehen, das dokumentiert, dass die Österreicherinnen und Österreicher stolz auf ihr Land sind und trotz aller Krisen und Probleme durchaus optimistisch in die Zukunft blicken. Nur 0,3% der Befragten sind ganz und gar nicht stolz. Das sind mit Sicherheit keine Austro-Buddhisten.

„Und dann ist er herausgetreten ... der ... Poldl ... und hat mutig bekannt: ‚Österreich ist frei!’ Und wie i des g’hört hab, da hab i g’wusst: Auch das hab ich jetzt geschafft. Es ist uns gelungen – der Wiederaufbau ...“

„Wenn man moralische Positionen hat, kann man sich nicht in die Politik Österreichs einbringen“, sagt der Karikaturist Gerhard Haderer. Und das sei früher auch schon so gewesen: „Als die Sozis in einer Alleinregierung waren, haben sie den Staat zur eigenen Sparbüchse erklärt. Das ist keine neue Entwicklung. Die Dimensionen haben sich gesteigert.“

„Bis 1934 war i Sozialist, war aa ka Beruf, hat man aa ned davon leben können. Heit wenn i wär ...“

Das Faszinierende am austro-buddhistischen System ist ja, dass sich kaum jemand aus ethischen Gründen über Hemmungslosigkeiten in Politik, Wirtschaft oder Hochfinanz aufregt, weil eben auch viele kleine Leute im Alltag korrupt sind und teilweise mit Bewunderung nach oben blicken zu denjenigen, die es „g’scheit g’macht hab’n“. Was den kleinen Mann hauptsächlich an der Korruption stört, ist die Tatsache, dass er selbst von diesen leistungsfreien Zuwendungen im sechsstelligen Bereich ausgeschlossen ist. Aber das ist eben „bad karma“. Vielleicht ist man ja im nächsten Leben in der richtigen Position. Nicht umsonst scheint in Österreich ein Sechser im Lotto die einzige gesellschaftspolitische Vision zu sein, die noch übrig ist.

Der Austro-Buddhist weiß, dass Geld das einzige ist, was den Menschen vom Tier unterscheidet, und außerdem ist Geld eine Form von Energie, die im gesamten Universum nicht verloren gehen kann. Wenn also irgendwo 500 Millionen Euro fehlen, dann sind diese 500 Millionen nicht wirklich verschwunden, sie sind nur woanders.

So wie auch Wien woanders ist.

„Den Herrn Karl“, sagte Helmut Qualtinger 25 Jahre nach der Fernsehpremiere, „den könnt’ ich heute noch spielen. Immer nur den Herrn Karl, und sonst nix.“

„I bin heit immerhin so weit, dass i sagen kann, man hat sein Leben nicht umsonst gelebt ... Des werden Se als junger Mensch vielleicht noch net so begreifen ... aber Se werden no oft an mi z’ruckdenken.“

Es war Qualtingers größter Erfolg – und zugleich seine größte Niederlage: Denn alles, was er später schrieb oder auf die Bühne brachte, wurde an diesem „Herrn Karl“ gemessen – und schnitt sowohl bei den Kritikern als auch beim Publikum meistens schlechter ab.

Und auch für Regisseur Erich Neuberg und Co-Autor Carl Merz war der große Erfolg des zeitkritischen Monologs schlussendlich kein Segen, sondern eher ein Fluch. Neuberg beging am 10. Januar 1967 auf dem Dachboden des Theaters „Ronacher“ Selbstmord. Merz erschoss sich am 31. Oktober 1979 in seiner Wohnung in der Führichgasse.

„Der Herr Karl von heute ist nicht arm, er ist – fesch!“ sagte Qualtinger kurz vor seinem Tod. „Der moderne Herr Karl trägt Maßschuhe, flotte Anzüge und er bezahlt mit Kreditkarten. Der Herr Karl kann nämlich sehr schön sein. Und er stirbt nicht.“

 

Der Autor Peter Turrini rückte in seiner Trauerrede das öffentliche Bild vom „Quasi“ zurecht: „In den Kommentaren zu Qualtingers Tod steht immer wieder: ‚Er wird uns unvergesslich bleiben!’ – Das ist ein Satz wie ein Grab, in dem schon mehr verschwunden ist als ein Mensch. Sie liebten seine Erscheinung, sie verniedlichten seine Person, um den erschreckenden Inhalten seiner Sätze zu entkommen. Was soll uns unvergesslich, also lebendig, bleiben? Jenes lieb gewordene Bild vom ‚Quasi’, an dem sich nun jeder bis zur absoluten Beliebigkeit bedienen kann, oder die Sätze des Schriftstellers Helmut Qualtinger, die treffen, ja verletzen wollen? Wenn wir den Schriftsteller Helmut Qualtinger wirklich leben lassen wollen, dann müssen wir endlich auf- und annehmen, wovon dieser Schriftsteller redet: das ganze Ausmaß jener politischen und menschlichen Schweinerei, die unter uns lebt und vielleicht auch in uns lebt.“

 

Ich selbst ... war nie ein Freund von Helmut Qualtinger. Ich war immer ein Bewunderer. Und das fing schon sehr früh an. Meine Eltern hatten in ihrer bescheidenen Schallplattensammlung auch ein paar Kabarettplatten von Preiser Records, auf denen Helmut Qualtinger, Gerhard Bronner, Louise Martini, Johann Sklenka und Georg Kreisler zu hören waren.

 

Bei meinen nächtlichen Wanderungen durch die City lief ich vor dem Mutzenbacher-Haus in der Sonnenfelsgasse einmal nachts beinahe an Qualtinger vorbei. Er lag zwischen zwei parkenden Autos auf der Straße und grummelte vor sich hin. Ich sprach ihn an und begann an ihm zu zerren, und nach einer Weile hatte ich ihn endlich so weit, dass er vor mir zwischen den Autostoßstangen kniete. Er blutete ein bisschen im Gesicht, starrte mich mit großen Augen an und säuselte: „Ein Engel!“ Er hatte offenbar einen harten Kampf gegen König Alkohol hinter sich und war vor seinem K.O. fast über alle zwölf Runden gegangen.

Fünf Minuten später war er wieder, schwankend zwar, aber doch, auf den Beinen. Ich lehnte ihn mit dem Rücken an die Hausmauer und bot ihm eine Zigarette an, weil ich nicht wusste, dass er normalerweise nicht rauchte. Er steckte sie in den Mund, ließ sie sich anzünden und sagte: „Oho! Eine neue Erfahrung!“

„Soll ich Sie nach Hause bringen?“ fragte ich, aber er winkte mit einer koketten Handbewegung ab und sagte: „Ich geh’ nicht mit einem jeden mit. Ich bin ja kein Flitscherl...“

 

Zu meinem zehnten Geburtstag schenkte mir meine Großmutter ein kleines Buch, das aus vielen leeren weißen Seiten und zwei dicken ledernen Deckeln bestand. Vorne drauf stand in goldener Schrift „Autogramme“.

Schon am nächsten Tag begann ich mit dem Jagen von Autogrammen. Ich holte mir die Unterschrift von Frau Paula Weichmann, die Hausmeisterin bei uns im Gemeindebau war. Auf den nächsten Seiten kamen der ewig betrunkene Filmvorführer vom „Baumgartner Kino“ auf der Hütteldorferstrasse, das hübsche Lehrmädchen von der Milchfrau, das für mich in der Früh die Wurstsemmel für die Schulpause machte, und der Vater meines Freundes Christian, der Lokomotivführer war. Nur die Frau Gutmann, meine Volkschullehrerin, wollte mir partout kein Autogramm geben und sagte ein bisschen trotzig: „Autogramme sammelt man nur von Berühmtheiten.“ Sie wusste nicht, wie berühmt bei uns im Gemeindebau die Frau Weichmann, der Vater meines Freundes, das Lehrmädchen und der Filmvorführer waren.

Im Lauf der nächsten Monate schrieben noch ein paar andere Menschen ihren Namen in mein kleines Buch: der Autorennfahrer Jochen Rindt, der Schirennläufer Karl Schranz, der „Winnetou“-Darsteller Pierre Brice, fast alle Fußballspieler des österreichischen Nationalteams und der glücklose Boxer Hans Orsolics.

Das letzte Autogramm, wenn man es überhaupt ein Autogramm nennen kann, gab mir Helmut Qualtinger.

Mit meinen Eltern machte ich einen Sonntagsausflug nach Aggsbach an der Donau. Ich stand an der Uferböschung und warf kleine flache Steine in den Fluss, sie sprangen fünf-, sechsmal über die glitzernde Wasseroberfläche. Auf einmal fiel ein breiter Schatten über mich. Ich drehte mich um und sah direkt ins Gesicht von Helmut Qualtinger. Er war in Begleitung einer jungen schönen Frau, deutete auf das gegenüber liegende Donauufer und sprach über die Venus von Willendorf.

„Herr Qualtinger, darf ich ein Autogramm von Ihnen haben?“ fragte ich und hielt ihm aufgeregt das kleine Buch und einen Kugelschreiber vor den Bauch. Er sah mich mit hoch gezogenen Augebrauen an und begann energisch zu kritzeln. Er schrieb nicht „Helmut Qualtinger“ ins Buch, sondern zeichnete ein paar wirre Spiralen, die schließlich so aussahen wie eine große, fette Wolke. Schließlich gab er das Buch zurück, steckte meinen Kugelschreiber ein und ging mit der schönen jungen Frau weiter. Und ich wusste es damals zwar noch nicht, aber ich spürte es ganz deutlich: Er hatte mich, man kann’s nicht anders sagen, verarscht.

Oder vielleicht auch nicht ...

Denn viele Jahre später, nur ein paar Tage nach Qualtingers Tod, fand Udo Proksch in seiner Trauer am Stammtisch im „Club Gutruf“ poetische Worte, die mich an das Autogramm meiner Kindheit erinnerten: „Wenn der Quasi neben einem gesessen ist, dann war er wie eine große, fette Wolke, eine brüllende, zischende, lachende, weinende Wolke. Aber jetzt hat sie sich verzogen. Wie traurig ist ein Tag ohne Wolke! Denn erst die Wolke macht den Himmel!“

 

An einem heißen Nachmittag im Hochsommer 1983 war die Wiener Innenstadt wie ausgestorben. Das kühle „Café Alt Wien“ in der Bäckerstraße schien der ideale Fluchtpunkt für einen hitzeempfindlichen Stadtstreuner wie mich.

An der Theke lehnend unterhielt ich mich zum ersten Mal so richtig ausführlich mit Helmut Qualtinger. Wir tranken steirisches Bier vom Fass und italienischen Magenbitter.

Wir sprachen über die erste unterirdische Toilette Österreichs, die 1904 auf dem Wiener Graben mit allen Accessoires des Jugendstils eröffnet worden, zuletzt aber jahrelang dem Verfall preisgegeben und außer Betrieb war. Doch schon in absehbarer Zeit, so verkündete der Wiener Bürgermeister Leopold Gratz in den Zeitungen, sollte diese wohl eleganteste Bedürfnisanstalt renoviert und – ausgestattet mit allem Komfort – von den Stadtvätern in einer Feierstunde wieder in Betrieb genommen werden. Allein die Vorstellung, die Stadtväter würden dann die ersten sein, die Schulter an Schulter …

Qualtinger erzählte in vielen Details und mit leuchtenden Augen die Geschichte einer russischen Fürstin, die ihr gesamtes Vermögen verloren hatte. Auf Umwegen war sie nach Wien gekommen und hatte hier, in der alten Kaiserstadt, das unwürdige Leben einer gewöhnlich wirkenden Häuslfrau geführt.

Woher Qualtinger diese Biographie hatte, blieb für mich unklar. Aber sie zeigte seine große Vorliebe für abwegige Lebensläufe, für das Außer-Ordentliche eines menschlichen Daseins, für Schicksale scheinbar verlorener Existenzen, die sich an vergangene Zeiten klammerten.

Jedenfalls wollte er einen großen, fürstlichen Häuslfrau-Monolog verfassen und ihn bei der Wiedereröffnung des Jugendstil-WCs am Graben zur Welturaufführung bringen. Ob er mit dem Schreiben dieses Textes jemals begonnen hat, weiß ich nicht. Die Renovierung der unterirdischen Toilette zog sich aber aus finanziellen Gründen in die Länge, und als Bürgermeister Helmut Zilk das hübsche WC schließlich seiner Bestimmung übergab, war Helmut Qualtinger schon tot.

 

Vor ungefähr Tausend-zweihundert Jahren sagte der tibetische Mönch Padma-samb-hava: „Unser ganzes Dasein ist flüchtig wie Wolken im Herbst; Geburt und Tod erscheinen uns wie Bewegungen im großen Tanz. Ein Menschenleben gleicht dem Blitz am Himmel, es rauscht vorbei wie ein Sturzbach den Berg hinab.“

 

Und der Herr Buddha ... Verzeihung, nein: der Herr Karl ... sagte: „Do hob i gwusst, des Sterben haaßt a nix mehr!“