Brief Ludwig van Beethovens an Johann Andreas Streicher vom 19. November 1796.
Brief Friedrich Schillers an Johann Andreas Streicher 9. Okt. 1795
Zentralfriedhof Gruppe 32 A, Nummer 30

„In ewig teurem Andenken“

Johann Andreas Streicher
Foto Streicher-Gemälde: Österreichisches Staatsarchiv

Er gehört zu jenen herausragenden Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts, die ihre Träume lebten und bis in unsere Tage Spuren hinterlassen haben: Johann Andreas Streicher, Klavierbauer, Komponist, Schriftsteller, Freund Schillers und Beethovens. Das Grab seiner Familie findet sich, heute fast unbeachtet, in der Reihe der Ehrengräber auf dem Zentralfriedhof. Was kaum bekannt ist: die Geschichte seiner Familie und seiner Manufaktur führt nach Schwaben – nach Trossingen in die Heimat der Hohner-Harmonikas sowie nach Spaichingen zur Pianoforte-Manufaktur Carl Sauter.  Johann Grimm, der Gründer dieses heute international bekannten Klavierbauunternehmens war ein Schüler Streichers.

Von Alfred Thiele

Barbara Sophia Hohner, so lautete der Mädchenname der Mutter dieses genialen und hoch gebildeten Mannes, den bereits in jungen Jahren eine tiefe Freundschaft mit Friedrich Schiller verband und der später in Wien eine Klaviermanufaktur gründete, die jahrzehntelang zu den führenden in Europa gehörte und in dessen Haus Ludwig van Beethoven ein und aus ging. Seine Mutter Barbara Sophia war eine Tochter des Trossinger Schneiders Johann Jakob Hohner. Im Jahre 1745 heiratete sie den Steinhauer und Maurermeister Andreas Streicher. Die junge Familie lebte in Stuttgart und im Laufe der Jahre wurden dem Ehepaar neun Kinder geboren. Johann Andreas Streicher, geboren am 13. Dezember 1761, war der jüngste Sohn.

An der Hohen Karlsschule in Stuttgart besuchte der junge Streicher sehr oft Konzerte. 1780, bei einer öffentlichen Prüfung, ist ihm dort Friedrich Schiller zum ersten Mal aufgefallen. Vermutlich war es der Musiker Rudolf Zumsteeg, der ihn kurz danach mit Schiller näher bekannt machte – eine Begegnung, aus der eine lebenslange und aufrichtige Freundschaft wurde. Friedrich Schiller war denn vom Wesen Streichers sehr berührt und zur Überzeugung gelangt, dass er bei ihm „auf eine Hingebung und Aufopferung bauen könne, die an Schwärmerei gränzten, und die nur von den wenigen Edlen erzeugt wird, deren Gemüth und Geist eben so viele Liebe und Freundschaft als Verehrung und Hochachtung verdienen.“

Das wesentliche Erlebnis, das die Freundschaft der beiden Männer festigte, war ihre gemeinsame Flucht von Stuttgart nach Mannheim: Friedrich Schiller war nach zwei heimlichen Reisen zur Aufführung seines Dramas „Die Räuber“ am Nationaltheater Mannheim von Herzog Karl Eugen mit 14 Tagen Arrest sowie einem strengen Reise- und Publikationsverbot bestraft worden. Der junge Schriftsteller beschloss deshalb, aus Württemberg zu fliehen. Streicher erklärte sich sofort bereit, ihm zu folgen und ihn mit seinen Ersparnissen, mit denen er eigentlich einen Studienaufenthalt in Hamburg finanzieren wollte, zu unterstützen. Unter falschen Namen reisten sie schließlich 1782 nach Mannheim, wo sie sich nach zwei Jahren trennten. Sie verabschiedeten sich voneinander mit dem Versprechen, einander erst dann zu schreiben, wenn der eine „Minister, der andere Capellmeister seyn würde.“ Die beiden sollten sich jedoch nie mehr sehen. Zeitlebens fühlten sie sich aber innig miteinander verbunden. So schreibt Schiller 1795 aus Jena an seinen Freund: „Dass Sie mich nach einer zehnjährigen Trennung und in einer so weiten Entfernung noch nicht vergessen haben, dass Sie meiner mit Liebe gedenken und mir ein gleiches gegen Sie zutrauen, rührt mich innig, lieber Freund, und ich kann Ihnen auch von meiner Seite mit Wahrheit gestehen, dass mir die Zeit unseres Zusammenseins und Ihre freundschaftliche Teilnahme an mir, Ihre gefällige Duldung gegen mich und Ihre auf jeder Probe ausharrende Treue in ewig teurem Andenken bleiben wird.“ Seine Zeit mit dem Schöpfer der „Räuber“ und der „Ode an die Freude“ schildert Johann Andreas Streicher in seinem Buch „Schillers Flucht“, das 1836, drei Jahre nach dem Tod des Klavierbauers, veröffentlicht wurde. Mit dem Erlös wollte der Autor ursprünglich einen Beitrag zur würdigen und feierlichen Beisetzung seines Freundes Friedrich Schiller leisten. 

Nach den Fluchtjahren lebte Johann Andreas Streicher zunächst ein paar Jahre in Mannheim, danach als Klavierlehrer in München. Im Januar 1794 heiratete er Nannette Stein, eine Tochter des bekannten Augsburger Orgel- und Klavierbauers Stein, die er etwa zwei Jahre zuvor kennen und lieben gelernt hatte. Das frisch vermählte Paar zog nach Wien, wo sie eine neue Klaviermanufaktur gründeten. Im übrigen hatte auch Streichers hübsche junge Frau Nannette als eine der ganz wenigen Frauen des 19. Jahrhunderts die Kunst des Klavierbaus erlernt – aus ihrer Hand stammen Flügel, die im Zuge historisch originalgetreuer Aufführungen bis zum heutigen Tage erklingen.

Die Manufaktur war überaus erfolgreich, namhafte Musiker, Komponisten und Schöngeister spielten auf den Instrumenten aus dem Hause Streicher – wie Johann Wolfgang von Goethe und Ludwig van Beethoven, der im Laufe der Jahre zu einem wirklich guten Freund von Johann Andreas und Nannette wurde, die ihm ab und zu auch half, seinen Junggesellenhaushalt in Ordnung zu halten. Wie wichtig dem Komponisten der „Eroica“ und der „Mondscheinsonate“ die Freundschaft mit den Streichers war, wird in einem Brief vom November 1796 deutlich: „Und wie sehr ich wünsche, dass sie immer mich gern haben mögen, und mich betrachten mögen als ihren sie liebenden und warmen Freund Beethoven..“. Einerseits war Beethoven ein großer Bewunderer der Streicher’schen Klavierbaukunst, auf der anderen Seite kamen von ihm regelmäßig wichtige  Anregungen, so dass die Instrumente immer vollkommener wurden.

Johann Andreas Streicher war ein hervorragender Pianist: Die „Mannheimer Zeitung“ berichtete über ein Konzert in Heidelberg vom 4. Dezember 1785: „Streicher schlug ein Klavierkonzert von Haydn und vor dem Schluss eine Klaviersonate von Clementi. Sein Spiel voll Ausdruck und Geist, sein genauer, äußerst fertiger Vortrag erhielt die Bewunderung und den verdienten Beifall aller Kenner.“ Bei der großen Aufführung von Georg Friedrich Händels Alexanderfest in Wien im Jahr 1813 übernahm er den Continuo-Part.

Als Komponist schuf Streicher zahlreiche Stücke für das Klavier und auch für die Orgel. Sein kompositorisches Gesamtwerk ist 2005 im Kölner Verlag Dohr, herausgegeben von dem Musikwissenschaftler und Pianisten Christoph Öhm-Kühnle in zehn Bänden erschienen.

Als Klavierbauer war er in Wien einer der bedeutendsten und innovativsten Vertreter seines Berufes. Ab 1802 leitete seine Frau Nannette das Unternehmen „Nannette Streicher geb. Stein“. Zusammen mit ihrem Sohn Johann Baptist Streicher (1796–1871) verschaffte sie dem Betrieb Weltgeltung. Viele namhafte Komponisten und Adlige ließen ihre Flügel von Streicher bauen oder besuchten die sonntägliche Matinee. Der so genannte „Alte Streicherhof“ stand in der Ungargasse Nr. 46 im 3. Wiener Bezirk  der „Neue Streicherhof“ später in der Ungargasse Nr. 27. Beide Gebäude wurden im Zweiten Weltkrieg beschädigt, der „Alte Streicherhof“ wurde 1959 abgerissen.

1827 geleitete Johann Andreas Streicher als einer der Fackelträger, zu denen auch Franz Schubert und Franz Grillparzer zählten, seinen Freund Ludwig van Beethoven zur letzten Ruhestätte. Sechs Jahre später, am 25. Mai 1833, nach einem erfüllten Leben und nur vier Monate nach dem Tode seiner geliebten Frau Nannette, verließ auch der Schwabe und überzeugte Wahl-Wiener Johann Andreas Streicher sein irdisches Dasein. Sein Sohn Johann Baptist führte das Werk der Eltern fort und machte die Streicher-Pianos nicht nur in Europa, sondern in der ganzen Welt bekannt.

Die Klavierfabrikation wurde 1896 von der Manufaktur der Gebrüder Stingl in Wien übernommen, die aber keine Instrumente mehr unter dem Namen Streicher produzierten. Das Erbe Streichers lebt jedoch in Instrumenten unserer Tage indirekt weiter: In den Klavieren und Flügeln der Manufakturen Carl Sauter in Spaichingen sowie Steigraeber & Söhne in Bayreuth. Die Gründer beider Häuser waren im frühen 19. Jahrhundert Schüler von Johann Andreas Streicher und seiner Frau Nannette.

Erschienen in: SÜDWESTPRESSE 5. Jänner 2011