Interview mit Sandra Kreisler in W24 »

Sandra Kreisler hatte keine glückliche Kindheit, aber eine interessante. Ihr Vater, unbestritten eine wesentliche Figur der künstlerischen und politischen Geschichte des deutschsprachigen Raumes, war als Vater zwar warmherzig, aber autoritär. WEITER »

Seit vielen Jahren hat Sandra Kreisler eine Auswahl seiner Lieder im Programm und tourt damit durch Deutschland und Österreich. Auch bei Konzerten der Band »WORTFRONT«, die sie  gemeinsam mit Mann Roger Stein hat, findet sich immer wieder ein Lied ihres Vaters.

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Georg Franz Kreisler (18. 7. 1922 – 22. 11. 2011)

Georg Franz Kreisler war ein Komponist, Sänger und Dichter, der aus einer jüdischen österreichischen Familie stammte und als Emigrant 1943 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hatte.

In einem offenen Brief schrieb er im Jahre 1996 an die politischen Repräsentanten Österreichs und Wiens, er wünsche zu seinen runden Geburtstagen keine Glückwünsche mehr zu erhalten. Warum?

„Aber auf keinen Fall bin ich Österreicher, denn im Jahre 1945, nach Kriegsende, wurden die Österreicher, die 1938 Deutsche geworden waren, automatisch wieder Österreicher, aber diesmal nur diejenigen, die die Nazizeit mitgemacht hatten. Wer unter Lebensgefahr ins Ausland geflüchtet wurde, also auch ich, bekam seine österreichische Staatsbürgerschaft nicht mehr zurück. Zweitens aber, und das ist vielleicht noch wichtiger, kann ich nicht im Interesse der Republik Österreich sein, weil sich die Republik Österreich in den über vierzig Jahren, seit ich nach Europa zurückgekehrt bin, noch nie um mich geschert hat. Kein subventioniertes Theater, kein subventionierter Verlag, kein Funk, kein Fernsehen, keinerlei Schauspiel-, Musik- oder sonstige Schule, keine österreichische kulturelle Organisation hat mich je um Mitarbeit gebeten. Und wenn man mich manchmal vorübergehend engagieren, ein Buch von mir publizieren oder ein Fernsehprogramm mit mir veranstalten will, treten sofort diverse Leute auf den Plan, die es verhindern wollen und meistens auch können, sicher zu ihrer Freude, aber nicht zu meinem Leid, denn mir geht es unter solchen Umständen besser, wenn ich nicht nach Österreich komme. Glücklicherweise hat man mir nie die Chance gegeben, Sehnsucht nach Österreich zu haben.“

Der offene Brief schließt mit einer Bitte: „Und ich möchte dieser Heuchelei, die nur meinen Tod abwartet, um mich posthum zum Österreicher ernennen zu können, keinen Vorschub leisten. Noch bin ich am Leben, noch kann ich mich dagegen wehren. Deshalb ersuche ich Sie heute höflichst, meinen Namen von den entsprechenden Listen entfernen zu lassen und in Ihrer offiziellen Funktion von weiteren Geburtstagswünschen abzusehen.“

Fest steht, dass er, neben Robert Gernhardt, die komischsten Reime seit Wilhelm Busch erfunden hat. Er hatte ein ausgeprägtes Gespür für phonetischen Witz, etwa wenn er in einem Lied tschechische Namen reiht, die für unsere Ohren so ulkig klingen wie Schmidt, Müller und Meier für Amerikaner. Und wenn vom Bluntschli berichtet wird, der dem Herrn Wachtel bei seinem Achtel erst Bedeutung verleiht, dann ist das von einer zugleich absurden und tiefsinnigen Komik wie kaum etwas, das nach 1945 in deutscher Sprache geschrieben wurde. In den späten fünfziger Jahren prägte Georg Kreisler neben Gerhard Bronner und Helmut Qualtinger das sehr spezifische Wiener Kabarett. Beifall quittierte den Vers: „Wie schön wäre Wien ohne Wiener.“

Mit zunehmendem Alter wurde Kreisler, ganz gegen den Zeittrend, immer radikaler in seinen politischen, nicht jedoch in seinen ästhetischen Ansichten. Zugleich aber resignierte er: „Es hat keinen Sinn mehr, Lieder zu machen/ statt die Verantwortlichen niederzumachen.“ Auch das wird nichts nützen. Die Heuchler werden sich ins Kondolenzbuch eintragen.

Quelle: http://www.zeit.de/kultur/musik/2011-11/nachruf-georg-kreisler

Sandra Kreisler »Kreislerismen« (Ausschnitte)