Grete Novak, die Wirtin vom Gmoakeller

Grete Novak
Verleihung des Goldenen Ehrenzeichens d. Republik für „anerkennenswerte Verdienste für die Beisl-Kultur“

Der Legende nach soll Kronprinz Rudolph mehrmals im heutigen Gmoa-Keller auf seine Geliebte Mary Vetsera gewartet haben, deren elterliches Palais in der nahegelegenen Neulinggasse war.

Legendär und in vielen Wiener Tageszeitungen verbreitet waren Gretes “Hinauswürfe” von ihr unbekannten Gästen, die aus irgendwelchen Gründen nicht sympathisch schienen. “Wollen Sie lang dableiben?”; “Alles besetzt!” trotz völlig leerem Lokals; “Mia ham Ruhetag!” und auf die Entgegnung “Aber es ist doch offen” die Antwort “Ma wird doch noch lüften dürfen.” Franz Vranitzky hatte Mühe, zur Geburtstagsfeier von Erika Pluhar eingelassen zu werden, und Freistilringer samt Begleitung waren bei Grete chancenlos.

Als der Keller von einem Verwandten in eine Diskothek umgebaut werden sollte, gab Grete Novak  zwar ihre Zustimmung; wenige Tage vor der Eröffnung hatte sie es sich allerding anders überlegt. Der Keller wurde seither nicht mehr genutzt.

Manche Eigenheiten von Grete hatten sich im Laufe der Zeit fast zu Kulthandlungen entwickelt, auf die viele Stammgäste bereits warteten. Unvergleichlich, wie sie die für sie viel zu hoch angebrachten Elektroschalter mit einem Schürhaken betätigte, oder wie Mitzi Banknoten und Münzen in ihre große Einkaufstasche streifte.

Beliebtes Gesprächsthema war Gretes konsequente Ablehnung von ihr unsympathischen Gästen; ihr Urteil war streng und nicht immer gerecht, wurde aber in vielen Fällen revidiert, wenn sie die Fremden als Freunde eines Stammgastes erkannte – vorausgesetzt die Betreffenden befanden sich dann überhaupt noch im Lokal.

Eine wahre Meisterleistung war die Abweisung des Bundeskanzlers Vranitzky, dem sie ohne genaues Hinsehen die Einladung zu Erika Pluhars Geburtstag nicht glauben wollte. Erst auf den zweiten Blick erkannte sie ihren langjährigen Stammgast, den “Herrn Franz”. Seither erschien der Gmoa-Keller verstärkt in den Gesellschaftsspalten. In amerikanischen Reisenführern war das Lokal schon längst zu finden, auf der Speisekarte des Intercont stand sogar “Gulasch wie im Gmoa-Keller”, eine Würdigung der Kochkünste von Mitzi.

Seit den 70er Jahren wurde keine Speisekarte mehr geschrieben. Grete lehnte das ab. Im Gault Millau erschien vor einigen Jahren eine Milieuschilderung: Legendär die die Dialoge infolge der naiven Gästefrage “Gibt’s was zu essen?”, die dem Besucher größte Beharrlichkeit abverlangen, um über die beiden ersten, mündlich unterbreiteten Angebote hinauszukommen (“A g'röste Leber können S’ haben...” Pause “... oder Bratwürstel...” drohende Pause). Absolut vereinnahmend schließlich die Herzlichkeit, mit der einmal für würdig Befundene nicht bedient, sondern geradezu adoptiert werden.” Das empfanden nicht nur Stammgäste so. In Gretes Partezettel heißt es: Starker Glaube und die Liebe zu ihrer Familie, zu der sie in der für sie eigenen Art auch ihre Stammgäste zählte, haben ihr ganzes Leben geprägt... Sogar die Financial Times brachte unter “Goodbye Gretel” am 27. Jänner einen sehr herzlich gehaltenen Nachruf.

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Um 1940 erwarb Andreas Herzog das Gasthaus Wimmer "Zum Kronprinzen" und begann mit dem Großhandel von Golser Weinen. Herzog kam direkt aus Sopron und betrieb nicht nur das Wirtshaus, sondern auch einen Weinhandel mit Golser Wein. Irgendwie bekam der Golser Gmoa-Keller für die umliegende Gegend tatsächlich die Funktion eines “Dorfwirtshauses”: Hier war die Umschlagbörse für lokal bedeutsame Nachrichten, hier hatten viele Familien ihre Wohnungsschlüssel hinterlegt. Auch die “Grätzl-Prominenz” hatte ihre Stammtische im Gmoa-Keller.

Bis zu sieben Kellner bewerkstelligten früher den Gastbetrieb im Gmoakeller. Später schaffte es die Besitzerin Grete Novak unter Mithilfe von je einer – meist ungarischen – Verwandten und unter Mitwirkung von Stammgästen alleine, weil jeder für “seinen” Tisch verantwortlich war und “seine” Leute demnach selbst zu bedienen hatte.

In der Schlange vor der Schank oder vor der Küche standen dann Musiker, Schauspieler, Botschafter, Kabarettisten und sogar geistliche Würdenträger zwischen Normalsterblichen und warteten auf ihr Bier, ihren Wein, ein “Obi-G’spritzt”, aufs Gulyas oder Beuschl. Wenn Not am Mann war, durften besonders vertraute Stammgäste sogar einige Gläser spülen.

Nach dem Krieg kam viel Polit-Prominenz ins Lokal, schließlich fanden eine Reihe von Parteitagen im Konzerthaus statt – viele der anderen Veranstaltungsräume waren zerstört; Besuche von Figl, Pittermann, Schärf, Körner und Raab sind überliefert. Oft ging es bis tief in die Nacht hoch her, sodass das Personal auf den großen Wirtshaustischen nächtigte, um am Morgen wieder rechtzeitig aufsperren zu können.Im Zuge der Ungarischen Revolution 1956 kamen viele Angehörige der Familie Herzog aus Sopron nach Wien. In der ersten Zeit war man froh, beim Andreas-Onkel Unterschlupf zu finden. In der zum Wirtshaus gehörenden Wohnung schliefen bis zu fünfzehn Familienangehörige in zwei Zimmern und drei Kabinetten. Für die sieben Kinder wurde die Wirtsstube zum Wohnzimmer und zum Erlebnisspielplatz.

Text: Dieter Klein, GeWalt