Gerhard Reznicek

18. 3. 1939 - 31. 1. 2025

Gerhard Reznicek im Filmclub St. Pölten | © Peter Aigner

Gerhard Reznicek
Gerhard Reznicek 1972, im Alter von 33 Jahren

wuchs im 21. Bezirk auf und war gelernter Schriftsetzer: In den 70er Jahren war er Geschäftsführer von »Interletter« und »Typehop« in Wien. Nach seinem Abgang bei Typeshop gründete er die Software-Firma »Perfahl & Co« mit Sitz in der Schlösselgasse 22, in 1080 Wien. Mitte der 80er Jahre gehörte er zu den ersten in Österreich, die die Möglichkeiten von Desktop-Publishing (DTP) erkannten. Gerhard Reznicek lebte zuletzt in Tullnerbach.

Gerhard Reznicek hat erster Ehe hatte er zwei Töchter. In zweiter Ehe war er bis ca. 1984 mit Brigitte, geborene Perfahl, verheiratet. Daher kam es zum Firmennamen »Perfahl  & Co.« Brigitte Perfahl betrieb in der Marienhilfer Straße das Geschäft »Spielerei«. Er hatte starke Affinität zu klassischer Musik – In seinem Büro bei Perfahl & Co stand eine Orgel.

Nach Perfahl & Co. firmierte er mit weniger Mitarbeitern als „Pruckner & Co« in der Turgenjewgasse (1130) und wohnte danach in der Wiengasse 6 (1140)

Er hat seinen Körper nach dem Ableben für Medizin, Wissenschaft und Forschung gespendet.

Worte seiner Tochter Elfriede G.

Mein Vater wurde als „Kriegskind“ geboren und wuchs in einem liebevollen, strengen Elternhaus auf. Er wollte lieber Fußball spielen, musste aber Klavier üben... Dafür war er später dankbar. Durch einen Bekannten meines Großvaters konnte er eine Lehre als Schriftsetzer in einer Firma in der Ausstellungsstraße, absolvieren.

Meine sehr jungen Eltern „mussten“ heiraten, da ich unterwegs war. Vier Jahre später bekam ich eine Schwester. Mein Vater war selten zu Hause und immer beruflich unterwegs. Bei der Scheidung meiner Eltern war als ich 12 Jahre alt war. Hier trennten sich unsere Wege und wir hatten keinen Kontakt mehr zu ihm.

Fast 40 Jahre später, fing er an sich bei mir zu melden. Erst 1-2 x jährlich , dann immer öfter. Die letzten 3 Jahre wurde es dann ein freundschaftliches, vertrautes und inniges Verhältnis. Viele Gespräche bei Ausflügen oder gemeinsamen Essen gab es.

Mein Vater hatte viele Interessen: kassische Musik, Filme, Bücher, Politik, wandern in der Natur, Freunde (ein Schulfreund, Stössl Peter, hat ihn sein ganzes Leben begleitet. Er ist 2 Monate vor meinem Vater gestorben)

Mein Vater war sehr krank, aber erst der Oberschenkelhalsbruch war sein plötzliches Ende. Und wieder trennen sich unsere Wege...

Er fehlt mir...

Ruhe in Frieden, Papa

Nachruf vom Filmklub St. Pölten

Gerhard Reznicek war nicht nur 14 Jahre Mitglied in unserem Filmklub, sondern ein äußerst aktiver Mensch, der auch über unsere Grenzen im VÖFA jahrelang viel Energie in das Editorial des Online VÖFA-Magazin steckte und einige Jahre die Filmpresse des VÖFA betreute. Er war bei unseren Mitgliedern wegen seiner ständigen hilfsbereitschaft und sein Wissen sehr beliebt.

Geri übernahm einige Jahre lang die Leitung des Filmklub St. Pölten und führte uns mit seiner Initiative gut durch die Corona-Zeit, als das Klubleben durch die restriktiven Maßnahmen der Covid-Politik keine Zusammenkünfte gestattete. In dieser Zeit gelang es ihm, unser Klubleben mittels Konferenz-Schaltungen im Internet am Leben zu erhalten.

Er zeigte auch viel Initiative, den interessierten Filmern das Schnittsystem Edius näherzubringen und war sozusagen unsere Schnittstelle zur Firma Grass Valley. Geri führte mehrere Seminare für dieses Schnitt-System durch, brachte uns auch die Technik des Bluescreen/Greenscreen näher und war selbst ein aktiver Filmer. Darüber hinaus war er der letzte KnowHow Träger in unserem Verein für die hochqualitative Digitalisierung von Super-8 bzw. Normal-8 Filmen, womit er auch in seinem Alter – er wurde fast 86 Jahre – diese Tätigkeiten professionell ausführte. Noch 2024 Stand er uns bei der Durchführung der NÖ-Landesmeisterschaft in Sitzenberg-Reidling mit Rat und Tat zur Seite. Er war immer sehr engagiert und bleibt uns als hilfsbereiter und sehr aktiver Filmer in Erinnerung.

Am Donnerstag, dem 30. Jänner 2025 ist Gerhard „Geri“ Reznicek verstorben. Mit ihm verlieren wir nicht nur ein aktives Mitglied sondern auch einen lieben Freund.

Text: Peter Aigner (Filmklub St. Pölten)

Worte von Gerhard Walter

Ich glaube, es war 1986. Nach meinem Abgang vom Grafikstudio „Tomato“ stieß ich im Inseratenteil einer Tageszeitung auf eine Stellenanzeige einer Firma namens PERFAHL, die jemanden suchte, der sich für kommende neue Technologien – oder so ähnlich – interessierte. Kenntnisse in Reinzeichnung, Schriftsatz und Druckvorstufe waren erwünscht. So ungefähr klang die Anzeige. Ich erinnere mich, dass ich nach einem Kaffeehausbesuch sehr spontan von einer Telefonzelle in der Linzerstraße anrief und einen Termin vereinbarte: Schlösselgasse 22, Perfahl, Hr. Reznicek.

Schon im Erstgespräch erzählte er mir, dass er Geschäftsführer bei Typeshop gewesen war und erklärte mir, was da demnächst technologisch kommen würde: DTP hieß das Buzzword der ausklingenden 80er: „Desktop Publishing“ Schriftsatz und Ganzseitenumbruch auf „Mikrocomputern“, wie das damals hieß – also „IBM-kompatible Rechner“. Die ersten Softwarepakete hatte er schon zum Ausprobieren: Fontasy, Fontrix, Scientex Publisher, und in absehbarer Zeit sollte etwas von XEROX kommen. Darauf wolle er warten, und dafür suche er jemanden, der das dann verkauft und die Setzer einschult.

Ich hatte in meiner Zeit im Grafikstudio am Varityper 600 (Photosatzgerät mit CRT) gearbeitet, aber vom PC hatte ich keine Ahnung. Null. Er meinte, er zahle mir irgendeinen Betrag pro Stunde und ich solle mir das doch einmal unverbindlich ansehen – ein, zwei Monate während meiner Zeit beim AMS. So, glaube ich, war das.

Nach ein paar Wochen wusste ich: Das wird sicher nicht mein zukünftiger Beruf. Ich war in eine Programmiererbude geraten! Lauter rauchende Nerds, die mit dem Gesicht zur Wand auf ihre Bildschirme starrten und mit knatternden Druckern Berge von Papier produzierten. Eine seltsame Gesellschaft. Nicht unfreundlich, aber sehr mit sich selbst und dem Code von BBX beschäftigt. Niemand erklärte mir die Basics – ich hatte keine Ahnung von DOS und quälte mich mit den einfachsten Begriffen herum. WTF is autoexec.bat? Und wozu?

Für die Kollegen da draußen war ich ein Alien. Mein Arbeitsplatz war im Kabinett der Altbauwohnung, die Hacker da draußen saßen immerhin im Wohnzimmer. Eines Tages bekam ich sogar einen Kollegen; Paul Kern war sein Name und er war gelernter Schriftsetzer. Gerhard kannte ihn anscheinend von früher, und auch er hatte keinen blassen Schimmer von PC und DOS und … Irgendwann kam Gerhard dann mit einer Schachtel und dem geheimnisvollen Ventura Publisher. Schnell zeigte sich: Das Programm konnte weder Umlaute noch „ß“. Wer sollte das kaufen? Und schon damals hieß es: „Die nächste Version kann das.“

Dazu kam es aber nie. Nach ein paar Monaten und einem eher frustrierenden Auftritt auf der IFABO haben wir uns in Freundschaft getrennt. Mein Weg führte mich auf die Apple-Seite zur „Computer City“, zu „Hard+Soft“ und später in die Selbstständigkeit. Über all die Jahre haben wir ab und zu telefoniert, später gechattet. Meistens fachlich rund um Schriftsatz und DTP, oft haben wir uns über Digital Video ausgetauscht. Bei einem unserer Treffen hat er mir eine DVD über die Übersiedlung des Typeshop übergeben.

Ich habe ihn als sehr aufmerksamen Menschen erlebt. Unsere Begegnung hat jedenfalls mein Berufsleben stark beeinflusst – denn ohne Perfahl und Reznicek wäre ich höchstwahrscheinlich nie zu Apple und meinen Tätigkeiten dort gekommen.

Aber das ist eine andere Geschichte. :-)

Worte von Kurt Bremser

Er hat mir meinen ersten Job in der EDV ermöglicht, was der Start zu einer schlussendlich sehr erfolgreichen Karriere war. Ich habe eine Menge gelernt, wie man Dinge tun sollte, und wie nicht. Also gibt es Einiges, wofür ich dankbar bin, und es soll durch das unrühmliche Ende unserer Beziehung nicht geschmälert werden.

Worte von Radisav Stojanovic

Er war der "Boss", von dem Bruce Springsteen den Beinamen klaute.

Er war stets ein wahrer Wohltäter, er hat uns alle gefördert und uns gefordert, zu unserem eigenen Wohle!

In den 1980ern gründete der ehemalige Drucker/Setzer ein Software-Startup und versammelte um sich eine bunte Truppe von Quereinsteigern: uns!

Wir mussten alles machen (Software, Hardware, Kabel löten und verlegen, Kunden betreuen, Schulungen halten usw.). Wir mussten alles von Grund auf lernen, und wir hatten Spaß dabei! Er hat aus uns Menschen gemacht, die die Ärmel hochkrempeln und anpacken.

Er hat uns gelehrt, wie man mit Kunden - mit Menschen allgemein - umgeht: Innerhalb kurzer Zeit konnten wir Kunden betreuen, schulen und glaubwürdig belügen und betrügen, ohne rot zu werden oder mit der Wimper zu zucken!

Immer war er mit Rat und Tat für uns da, hatte immer ein offenes Ohr für unsere Probleme und wusste allezeit, wie man seine Mitarbeiter motiviert ("Herr Dressel, sie gehen schon? Es ist doch erst 20 Uhr?!") Er hat aus uns das Beste herausgeholt.

Er hat uns von den unnötigen Regulierungen der Arbeitszeitgesetze befreit und uns erlaubt, bis spät in die Nacht zu arbeiten. Ich habe das erst später zu schätzen gelernt, als in späteren Jobs das Unternehmen abends geschlossen wurde und ich zum Heimgehen gezwungen wurde.

Er hat uns von der Straße geholt und uns ein gesundes und familiäres Umfeld geschaffen. Er hat uns vom Sumpf da draußen ferngehalten und verhindert, dass aus uns drogensüchtige Alkoholiker werden. (Er konnte sogar meine Mutter beruhigen, die immer in Sorge war, dass ich in einem rein männlichen Umfeld schwul werden könnte.)

An Heiligabend und Silvester durften wir schon um 14 Uhr die Arbeit beenden und noch eine Feier anhängen. Ich denke gerne an diese gemütlichen Momente zurück. Noch heute profitiere ich davon, dass ich es als völlig richtig ansehe, Hunderte von Überstunden an den Arbeitgeber zu verschenken.

Seine durchdachte Gehaltauszahlungspolitik machte uns zu Meistern der Haushaltsökonomie. Wir lernten, wie man locker mehrere Monate ohne Geld auskommt und wie man seine Gläubiger hinhält und vertröstet. (Nur eines musste ich mir selber erarbeiten: wie man anschließend mit neuem Job innerhalb kürzester Zeit seine Schulden wieder abbaut.)

Seine originellen Sprüche versüßten unseren Arbeitsalltag und sorgten für ein tolles Arbeitsklima ("Rudi, du alter Hurensohn! Woanders hättet ihr alle keine Chance!" - gefolgt von einem gutmütigen väterlichen Lachen.)

Mit solchen einfachen Mitteln (und vielen weiteren - das Geheimnis seiner gesamten Methode nimmt er mit ins Grab) hat er es geschafft, aus uns eine leistungsfähige und engagierte Truppe zu schmieden. Wie man sieht, hält uns das Perfahl-Band auch nach 35 Jahren noch zusammen.

Der Boss hatte aber auch ein Leben abseits von Perfahl!

Nicht nur hatte er vor Perfahl beachtliche geschäftliche Erfolge ("ich war Geschäftsführer beim Typeshop"), sondern auch danach hat er sich mit mehreren innovativen Startups versucht. Das letzte hat er vor seinem Ruhestand erfolgreich an seinen letzten Mitarbeiter weiterverkauft. (Das Geschäft war sicher profitabel, und meines Wissens hat der (damals) junge Mann später irgendwann zusätzlich einen Postshop betrieben.)

Der Boss war bis zuletzt rege und aktiv. In mehreren Vereinen für Filmschaffende frönte er seiner großen Leidenschaft, dem Filmen, und konnte mehrere Preise einheimsen. Als Professor an der VHS gab er sein Wissen uneigennützig (gegen geringe Kursgebühr) weiter.

Musik! Eine der wichtigsten Sachen in seinem Leben war die Musik, natürlich! Leider kann ich dazu nichts beitragen. ("Rudi, du Kulturloch, du wandelnde Bildungslücke, du lebst und Schiller musste sterben!" - gefolgt von einem gutmütigen väterlichen Lachen.) Jedoch erinnere ich mich an ein prägendes Erlebnis, als er uns alle zu einem Haydn-Konzert einlud: Als Pop- und Rock-Liebhaber, aber auch als Freund von Beethovens Sonaten und großer Bewunderer von Bachs Wohltemperiertem Klavier, hatte ich durch diese Einladung die Möglichkeit zu lernen, dass Haydn nicht jedermanns Sache ist und dass man aber trotzdem auch längere Panikattacken mit Meditation durchstehen kann.

Der Boss hatte aber auch literarische Interessen: Ende der 80er hat er mir erzählt, dass er sich in jüngeren Jahren an Abhandlungen versucht hat, in denen er sein politisches Engagement und sein Interesse für Geschichte verknüpfen wollte und Themen von hoher Relevanz behandelte ("Wie wäre unsere Gegenwart, wenn wir den Krieg gewonnen hätten?")

Als politischer Mensch durch und durch war er meines Wissens zunächst der ÖVP zugetan (schön, wenn so etwas auch geschäftlich nützt), hat später aber mir gegenüber auch von der FPÖ positiv gesprochen. Seine politischen Ansichten gegen Ende kenne ich nicht, aber er war eindeutig gegen einen starken Führer (wie in seinem Kommentar zu einem Forumsbeitrag sichtbar wird: kunstkult.at/anfuhrerkultur).

Von seinem Privatleben weiß ich nur, dass er eine Ex-Frau und Tochter hinterlässt, die er zu hoher Selbständigkeit erzogen hat, sodass sie keinen Kontakt mit ihm mehr brauchten. Wie sich das gegen Ende entwickelt hat, weiß ich nicht, da er auch mich zu hoher Selbständigkeit erzogen hat und ich schon länger keinen Kontakt mehr zu ihm hatte.

Zuletzt mit ihm telefoniert habe ich in den 2000ern. Väterlich freundschaftlich wie eh und je hat er sich für mich gefreut, dass ich in der Finanzmarktaufsicht arbeite. ("Ja, Rudi, schön! In einer Behörde hast du einen bequemen Job, wo es ruhig ist und man nicht so viel tun muss und sich Zeit lassen kann.")  Wer ist schon ohne Vorurteile ...

Und nicht zuletzt war er auch ein Philosoph. Unvergessen sein Spruch zum Menschsein: "Der Körper ist nur ein Kadaver, auf das Innere kommt es an". In diesem Gedanken und als Menschenfreund hat er seinen Kadaver der Medizin und Wissenschaft überlassen. Er hat auf seine zwei Quadratmeter verzichtet und begnügt sich mit einem Taferl an einer Gedenkwand der Gruppe 26 auf dem Zentralfriedhof.

Was er über ungute Konkurrenten oder Kunden manchmal gesagt hat ("Weißt Rudi, manches erledigt die Historie ganz von alleine"), beweist ein weiteres Mal seine Weitsicht. Auch bei ihm hat die Historie zugeschlagen - und wird es eines Tages bei uns allen.

Aber er ist nicht ganz verschwunden. Er bleibt in unseren Erinnerungen. Und vielleicht nicht nur dort! Vielleicht sieht man ihn ja mal wieder, in einer der Körperwelten-Ausstellungen oder teilweise in einem Glas zu Informationszwecken.

Und ich glaube, könnte er diesen Nachruf lesen, würde jetzt ein gutmütiges väterliches Lachen folgen.

In diesem Sinne: Möge er in Frieden ruhen.

(Disclaimer: Alles in diesem Nachruf stammt aus meiner Erinnerung und aus Internetrecherchen und ist somit subjektiv und möglicherweise unvollständig, aus dem Zusammenhang gerissen und/oder kann sich als unrichtig erweisen. So etwas passiert nicht nur einer KI.)

Posting von Gerhard Reznicek auf kunstkult.at vom 18. 10. 2022 (7:50 pm)

Die Sehnsucht nach einem Führer

„Die Macht geht vom Volke aus“. Dieser oft zitierte Satz in den verschiedenen Verfassungen vieler Staaten ist zwar eindeutig, wird aber meist in der realen Welt nicht wörtlich genommen.

Es ist in unseren Massengesellschaften ziemlich schwierig, bei jeder Entscheidung das Volk zu fragen – wie soll das auch technisch ablaufen? Deshalb wird in unseren Demokratien diese Macht durch Personen, die wir bei mehr oder weniger demokratischen Wahlen bestimmen, ausgeübt. Wegen unserer lückenhaften Information, auch wegen des fehlenden Detailwissens, müssen wir fast alle wichtigen Fragen über Handel und Wandel, über die Organisation unseres Zusammenlebens und Details von Verwaltung und Gesetzgebung, diesen Leuten überlassen. Natürlich haben diese „Beauftragten“ eigene Bedürfnisse als auch persönliche Interessen und sind nicht immer fehlerfrei – es sind halt auch nur Menschen.

Das führte schon immer zum Protest, ja zum Aufbegehren von Bürgern, die sich mit den Unzulänglichkeiten des Systems, mit den Fehlern der „Politiker“ – so nennen wir die von uns beauftragten Leute -, und mit dem manchmal bekannt werdenden Machtmissbrauch, nicht abfinden wollen. Sie behaupten, es müsse auch anders gehen, konsequenter, sauberer, gerechter, die Entscheidungen könnten viel rascher getroffen werden, und vor allem – ehrlicher.

Das ist die Ursache, dass im Dunst des Biertisches von Manchem ziemlich laut nach einem ehrlichen, starken Macher gerufen wird, der „diesen Saustall“ endlich ausräumen würde, diese „Verbrecher“ zur Rechenschaft ziehen und wieder Ordnung schaffen würde. Also muss ein „Führer“ her! Man kann diese Aussagen durchaus verstehen, wenn man unsere aktuelle Situation kritisch betrachtet.

Die Sache mit den politischen „Führern“ hat jedoch eine Besonderheit, die man nicht gleich sieht, deshalb wird sie oft nicht wahrgenommen: Macht verändert die meisten Menschen. Jeder, der andere zu bestimmtem Handeln – freiwillig oder durch Druck (das muss nicht unbedingt Gewalt sein!) – „führt“, gewinnt durch den Erfolg seiner Aktivitäten Autorität. Und weil es den meisten Menschen nicht so leicht fällt, über allzu viele Details einer Sache ständig nachzudenken, übernehmen sie häufig auch das Denken und die Argumente erfolgreicher „Führer“. Der einfache Mann auf der Straße merkt das oft nicht einmal. Diese natürliche Gesetzmäßigkeit ist auch für die Rudelbildung im Tierreich verantwortlich. Dort wird jedoch durch die natürlichen Abläufe die Herrschaft des Rudelführers nach einigen Jahren „Regie-rungszeit“ beendet. Er wird nach einem kurzen oder auch längeren Kampf durch einen neuen, jüngeren Leithammel, Leitwolf oder Silberrücken ersetzt.

Bei uns Menschen läuft das jedoch etwas anders: Die Anfangszeit eines politischen Führers geht fast immer mit begeisterter Zustimmung seines „Volkes“ einher. Er hat versprochen (und versucht es vielleicht auch), irgendwelche drückenden Missstände abzustellen oder zu beseitigen. Er glaubt erkannt zu haben, was die Ursachen vieler Probleme sind, und meint auch zu wissen, was man dagegen tun muss. Beim Gebrauch seiner neuen Macht wird ihm durchaus auch gewaltsames Vorgehen verziehen. Schließlich – was den Menschen Kummer, Ärger oder auch Schmerz bereitet hat, will er ja überwinden.

Weil ihm alle dankbar sind und das auch zum Ausdruck bringen, kann er schon nach kurzer Zeit mit Kritik nicht mehr richtig umgehen. Inzwischen hat er nämlich aus seinen treuesten Anhängern einen Kreis gebildet, der ihn bei seinen Bemühungen in seinem Sinn und nach seinen Vorgaben unterstützt. Kritik dringt kaum mehr zu ihm durch. Aber er selbst und die klügeren seiner Gefolgsleute, aber auch viele Andersdenkende, bemerken, dass entweder die Probleme doch nicht gelöst sind, oder dass jetzt andere Schwierigkeiten auftauchen und sich bemerkbar machen.

Jetzt merkt er meist auch, dass viele seiner Anhänger Opportunisten sind, die nur nachplappern, was er ihnen erzählt. Das ärgert ihn – er will ja die Intelligenz seines Volkes gewinnen. Er stellt fest, dass ihm zwar viele zujubeln, die meisten ihn aber in Wahrheit nicht verstehen. Das macht ihn misstrauisch und zerstört seine Empathie. Er verliert jetzt auch den Respekt für die einfachen Menschen seines Volkes. Leute, die seine Aktivitäten gar kritisieren, sind für ihn Feinde. Er kann nichts anderes er-kennen, auch wenn ihre Kritik wirklich konstruktiv und eigentlich gut gemeint ist. Und weil es gut und richtig ist, was er tut (das bestätigen ihm ja seine Freunde und Anhänger täglich!), sind harte Maßnahmen gegen solche Kritiker oder Gegner gerechtfertigt

Und schon ist ein bejubelter Revolutionär zum Diktator mutiert!

Das hört sich sehr nach großer Politik an. Aber soweit muss man nicht gehen. Auch in Unternehmen kommt es im Lauf der Jahre zu despotischen Chefs, die keinen Widerspruch dulden, Leute kurzerhand entlassen, nur weil sie bei irgendeinem technischen oder betrieblichen Detail widersprochen haben. Ich denke z.B. auch an den viele Jahre sehr geliebten Chefdirigenten meines Orchesters, der zuletzt hinter jeder leisen Frage, ob das oder jenes wirklich sein müsse, Verrat witterte.

Dadurch habe ich eine solide Skepsis gegen sogenannte Macher entwickelt. Jeder Bürger sollte misstrauisch werden, wenn er Rufe nach einem „Führer“ hört, der Ordnung schaffen soll. In Krisenzeiten wie jetzt braucht es überlegtes und zielsicheres Handeln. Da sind Leute gefragt, die sich durchsetzen und rasch das Richtige tun. Die Gefahr ist aber immer groß, dass diese beim Gebrauch von Macht auf den Geschmack kommen. Man merkt dann viel zu spät, dass man sich dabei auf jemand eingelassen hat, der partout nicht mehr vom Pferd herunter will …

Gerhard Reznicek, Oktober 2022

Quelle: https://kunstkult.at/anfuhrerkultur

Anatomie Gedenkstätte

Die Grabanlage in der Gruppe 26 am Wiener Zentralfriedhof ist eine Gedenkstätte für jene Personen, die ihren Körper nach dem Tod in den Dienst der Ausbildung zukünftiger Ärzte und Ärztinnen, der ärztlichen Weiterbildung und der medizinisch-wissenschaftlichen Forschung stellen. Die Gedenkstätte wurde 2009 errichtet.

Architekt Christof Riccabona hat für diesen Platz einen achteckigen Bereich aus abgestaffelt hohen Mauern, die ziegelrot gestrichen wurden, entworfen. Im Jahr 2020 erfokgte ein Facelifting durch die Lehrlinge der Friedhofsgärtnerei.


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