Topsy Küppers ➛

Das Leben muß aus der Vergangenheit verstanden, aber aus der Zukunft gelebt werden.

Grabgestaltung des Ehrengrabes

Hier wird schrittweise dokumentiert und beschrieben, wie das Ehrengrab für Topsy Küppers entsteht. Ihr Grab befindet sich am Wiener Zentralfriedhof: Gruppe: 33G, Nummer: 53 zwischen der Schauspielerin Elisabeth Orth und dem Maler Herbert Brandl.


Kennt jemand zufällig eine starke Frau, die kein problematisches Verhältnis mit ihrer Mutter hatte? Ich nicht. Ich kenn nicht mal schwache Frauen, die vollkommen friktionsfrei das beidseitige Älterwerden überstehen. (Na gut, ich kenn überhaupt keine „schwache“ Frau, schwach sein ist bei unserem Geschlecht schlicht keine Option.) Spätestens irgendwann ist es schwierig mit der Mutter. 
Das scheint von der Fabrik so vorprogrammiert zu sein.

Und dann muss eben irgendwann eine der beiden Frauen beschließen, die „größere Frau“ zu sein, und mit dem Druck, den Erwartungen und den Bewertungen aufzuhören. 
Meistens beschließen es beide – sind aber vollkommen davon überzeugt, sie seien die einzige. 
So wachsen Frauen. 
Deswegen gibt es ja auch deutlich mehr weise alte Frauen als weise alte Männer. Alte Männer werden nicht weise, sondern stur. Sie nehmen übel. 
Frauen lächeln und nehmen sich Zeit. 
(Sagen wir: In der Gaußschen Normalverteilung.) 


Text: Sandra Kreisler
Nun soll ich hier aber nicht allgemein herumschwurbeln, ...

... sondern sehr konkret etwas über meine Mutter erzählen.
Meine Mutter, die Ikone. 

Vielleicht scheint das Wort übertrieben, weil meine Mutter ja bei Lichte besehen vor allem in Österreich weltberühmt war, und manchmal nicht mal da. 
Und man kann heute auch noch gar nicht sagen, ob und wie lange der Ruhm, den sie sich erarbeitet hat, überhaupt halten kann. 
Sie hätte es aber verdient, eine Ikone zu sein und zu bleiben. Nicht nur, weil sie eben eine Sängerin, Tänzerin, Darstellerin von Weltniveau war; Nicht nur, weil sie in ihrer Zeit als eine von nur zwei Theaterdirektorinnen gegen enorm viele Widerstände kämpfte und gewann; Nicht nur, weil sie den Spagat schaffte, eine deutliche politische Einstellung zu haben, diese auch zu zeigen, und dennoch „dem Affen Zucker“ zu geben, wie man es nennt, und nicht nur, weil sie mit weit über 60 Jahren plötzlich beschloss auch Autorin zu werden, und auch das auf Anhieb aced-e; Sie wurde mit Bravour Bestsellerautorin. 


Sie war schön, begabt, charmant, ...

... vielseitig, fleißig, angstlos, klug – es stimmte alles. 
Denn sie war eine Frau, deren geheimer Vorname „Haltung“ war. 
Sie bestand aus Disziplin. 
Und sie kultivierte ihren Stil und arbeitete an ihrem Können durchgehend und bewusst. 
Mein Vater, mit dem sie nach Jahren der Jahrhundertliebe eine tiefe Feindschaft verband, sagte über sie: „Topsy spielt ihr Leben“. Er hatte nicht ganz unrecht, wenn man versteht, dass Sie sich alle Rollen, die ihr das Leben gab – oder sie sich nahm – mit Hingabe einverleibte, auf ebendiese Art, wie man als großer Darsteller eine Rolle spielt. 
So sehr, dass sie selbst glaubte, sie sei tatsächlich so. 
Bis die nächste Rolle kam. 


Sie spielte Filmstarlet, in ihrer Jugend.

An der Seite von Stars ihrer Zeit wie Peter Alexander oder Vico Torriani hatte sie nicht ganz unbedeutende Nebenrollen in musikalischen Erheiterungsfilmen nach dem zweiten Weltkrieg. (Den sie übrigens versteckt in Holland überlebte, als Kind.) 
Sie spielte dann erfolgreiche und gefeierte Kabarettistin, an der Seite meines Vaters – ihre vielleicht beste und nachhaltigste Rolle. 
Eine Zeitlang spielte sie – allerdings mit wechselndem Erfolg – Mutter. 
Sie spielte Theaterprinzipalin, sie spielte Reiterin und Pferdehalterin, sie spielte Ehefrau und Regisseurin, Tänzerin, Schauspielerin, Sängerin, Diva, Autorin und vor allem anderen: Dame. 
All das machte sie eben mit eiserner Disziplin, und so tiefgehend in ihrer Rolle versinkend, dass sie selbst nicht mehr merkte, dass sie spielte. 
Die um sie herum Lebenden auch nicht immer. 
Manchmal spürte man, dass da noch irgendwas war, irgend etwas Ungreifbares, etwas, das sich nicht zeigte, aber doch „da“ war. 
Vielleicht war das ihre Herkunft aus einem ärmlichen, sicher auch etwas spießigen, jedenfalls aus zutiefst kleinbürgerlichem Haus mit braunen Schrankwänden, billigen Teppichen, Nippes und Häkeldeckchen im deutschen Rheinland. 
Das wollte sie bereits als Kind verlassen, und schon damals bewies sie eiserne Disziplin um sich in die Glitzerwelt heben zu können. 
Der Vater hatte die Familie verlassen, als sie noch ein Baby – oder sogar noch nicht geboren? – war. Sie sprach kaum je über ihn, und wenn, waren es uneinheitliche Aussagen, deren einzige Wahrheit in der Sehnsucht lag, wer er hätte sein können.

Ihre Mutter, Buchhalterin ...

... im bedeutungslos gewordenen Aachen, erzog sie mit der Großmutter gemeinsam: „die gescheiteste Frau der Familie“ wie meine Mutter stets zu sagen pflegte, bevor sie Sprichwörter, die sie von ihr in Erinnerung hatte, wiedergab. „Meine Großmutter, die gescheiteste Frau der Familie, sagte immer: ‚einmal umgezogen ist wie zweimal abgebrannt.‘“
Im Nachlass meiner Mutter fand sich auch der Ehering ihrer Großmutter. Er passte gerade mal auf meinen kleinen Finger, sie muss eine winzige Frau gewesen sein. Auch meine Mutter wuchs nie über 1,58 hinaus, und ihre Mutter war nicht mal das. Eine Familie von kleinen Frauen, allein in einer Nordrhein-Westfälischen Männerwelt – da muss man sehr durchsetzungsstark sein. 
Meine Mutter hatte zwei Kinder, und es gab durchaus Momente, in denen sie sich für uns Kinder auch „echt“ anfühlte. Wo sie herzlich lachte und blödelte, wo sie uns in den Arm nahm und sich mütterlich anfühlte. Momente in denen ich klar spürte, dass da eine liebende Mutter war. 
Meistens aber war sie sich selbst deutlich näher, hatte ihr „offizielles Gesicht“, das, was alle anderen ausschließlich kannten: „Ich bin klug und zugewandt, immer wissbegierig, sehr begabt und sehr beliebt. Ich bin verschmitzt, und ich habe zwar damenhafte Haltung, aber damit kaschiere ich nur meinen inneren Wildfang – und natürlich habe ich unbändigen Charme den ich gern auf Dich niederkommen lasse“. 
Das war ihr Hauptmodus. 
Sie hatte durchaus echte und starke Gefühle und sie konnte „ungeschminkt“ sie selbst sein, aber sie liess es eben nur sehr selten raus. 


Sie liess mich auch später nur in sehr seltenen Momenten merken, ...

... wie tief es sie schmerzte, dass der Sohn, wie der Vater, die Familie verlassen hatte. 
Unsere Familie brach mit einem sehr lauten Knall auseinander, in den späten 1970er Jahren, nach fast 20 Jahren. 
Ich kann, wenn ich ehrlich bin, nicht sagen, ob sie nach diesem Knall emotionell so zerbröselte, weil ihr Bild von sich und ihrem Leben zerbrochen war oder ob sie tatsächlich einfach tief in der Seele schmerzte. Wahrscheinlich, wie so oft, beides. 
Fortan lief sie durch die Straßen und sah aus wie eine Äbtissin: Schreitend, irgendwie aus Teflon, und mit einem eingebrannten Mona-Lisa Lächeln, das wie mit Botox in ihr Gesicht hineingelähmt wirkte. 
Bis sie ihrem zweiten Mann begegnete, Karl-Heinz. (Sie nannte ihn in der Sekunde Carlos, denn mit einem Karl-Heinz konnte sie sich nicht sehen.) Er war ein stattlicher Reiter und Prokurist einer großen Baufirma, und er trug sie dann für den Rest seines noch langen Lebens auf Händen, wie ihr gebührte. 
Weit über 30 Jahre dauerte diese zweite Ehe, und sie war glücklich. 
Er machte ihr den Platz auf der Bühnenrampe des Lebens nie streitig, im Gegenteil, er hob sie dort hin. 
Zu zweit führten sie das Theater: Er baute Bühnenbilder, jedes einzelne mit bunten Wänden, hellen Rahmen und Leistchen gebaut wie das Wohnzimmer eines großbürgerlichen Patriarchenhauses, er erledigte die Buchhaltung und überhaupt alles, was außerhalb künstlerischer Arbeit zu einem Leben gehört. 
Sie inszenierte, engagierte, spielte, und charmierte die Politik, ihr Subventionen zu bewilligen, sie nahm Preise in Empfang und sie spielte Prinzipalin mit allem Schmerz, den diese weltbewegende Arbeit auf sich nehmen muss. 


Und wie anfangs gesagt: wir hatten unsere Schwierigkeiten.

Immer wieder spielte ich auch in dem Theater, immer wieder erlebte ich ihr Heisskalt aus Zuwendung, Stolz und Neid bis hin zur Biestigkeit. Neid über meine Jugend, mein Talent, mein wasweissich. 
Unverständnis über meine Art. 
Ich ging, hielt es nicht aus, kam wieder, ging wieder – bis ich dann am Ende bleiben konnte, weil wir in unserer unentrinnbaren Liebe beide beschlossen hatten, die „grössere Frau“ zu sein. 

Alle vier unserer Familie waren einander überlegen, das ist keine leichte Ausgangsposition. 
Sie liess sich auch nur schwer dazu herab, um eine Verbindung zu kämpfen, das blieb anderen überlassen: Sie war der Fixstern, die Anderen die Planeten. Aber sie war auch ein Familienmensch, und darin waren wir uns gleich. Also rauften wir uns über Jahre hinweg zusammen. 
Es brauchte Beharrlichkeit, denn eine Diva hat ihre Meinung, aber sie war meine Mutter und ich war beharrlich. 
Dass mein Bruder es nicht war, brach ihr Herz. 
Aber sie hätte das nicht mal vor sich selbst zugegeben, sie versteinerte einfach und verkapselte ihr Leiden. 

Dasselbe erlebte ich, als sie Krebs bekam. Sie spielte braver Patient, sie versteinerte, lächelte kunstvoll endzeitig vor sich hin und teflonte sich durch. 
Und am Ende, als sie den Krebs für Jahre besiegt hatte, schrieb sie ein Buch darüber, das ein Bestseller wurde. Sie war immer der Phönix.

Sie war auch immer unglaublich schön.

Bis zum Ende. Sie blieb der Phönix, und als sie nicht mehr leben wollte, wollte sie auch wie ein Phönix aufsteigen ins nächste Reich. 
Fast zwei Jahre lang „wollte“ sie sich zu Tode. 
Einmal gelang es mir, sie noch mal aufzurichten, aber als sie zunehmend verstand, mit fast 93 Jahren, dass nicht nur die Demenz nicht mehr aufzuhalten war, sondern auch der Krebs wieder eine OP verlangt hätte, hörte sie auf zu essen und zu trinken. 
Monatelang saßen ihre treue Ersatztochter Gori, die vor Jahrzehnten als Putzfrau ins Haus kam und dann ihre Vertraute wurde, und ich neben ihrem Bett, versuchten sie zu bitte-nur-noch-einen-kleinen-Löffel-Apfelmus zu überreden: Sie aber wollte jetzt sterben spielen. 
Abgemagert bis auf die Knochen sah sie immer noch schön aus, war sie immer noch Herrin über ihr eigenes Bildnis. 
Ohne je das Wort auszusprechen machte sie allen klar: Sie möchte jetzt bitte nicht mehr. 
Und auch das gelang ihr mit Bravour.



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